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Chronische Entzündung ist keine Krankheit im klassischen Sinne. Sie ist ein stiller Prozess, der im Hintergrund läuft – und den wir aktiv beeinflussen können.
Eine Patientin Anfang fünfzig kommt zu mir. Laborwerte unauffällig, kein Befund, der auf dem Papier alarmieren würde. Und doch: Sie fühlt sich seit Monaten erschöpft, ihre Gelenke schmerzen am Morgen, die Konzentration lässt nach. Ihr Hausarzt hat nichts gefunden. Ich schaue genauer hin – und finde erhöhte Entzündungsmarker im Blut. Kein Infekt, keine Autoimmunerkrankung. Sondern das, was die Forschung heute „Inflammaging“ nennt.
Der Begriff setzt sich zusammen aus Inflammation und Aging – Entzündung und Altern. Er beschreibt einen Zustand, den viele meiner Patientinnen kennen, ohne ihn benennen zu können: das Immunsystem läuft dauerhaft auf niedriger Flamme, ohne jemals ganz abzuschalten. Keine akute Entzündung, kein klarer Auslöser – aber ein anhaltender biologischer Verschleiß, der auf Dauer das Gewebe schädigt und das Altern beschleunigt.1
Was Entzündung eigentlich ist – und wann sie zum Problem wird
Entzündung ist zunächst etwas Gutes. Wenn Sie sich den Finger schneiden, wird die Wunde rot, warm, leicht geschwollen. Das Immunsystem arbeitet. Es schützt, repariert, bekämpft Eindringlinge. Dieser Prozess soll zeitlich begrenzt sein: Gefahr erkannt, Reaktion gestartet, Wunde geheilt, Entzündung abgeschaltet.
Das Problem entsteht, wenn das Abschalten nicht mehr funktioniert. Mit dem Alter – und verstärkt durch ungünstige Lebensstilbedingungen – kann das Immunsystem in einen Dauermodus rutschen: eine niedrigschwellige Aktivierung, die nie vollständig endet. Diese chronische Hintergrundentzündung schädigt Zellen und Gewebe schleichend, erhöht das Risiko für Herzerkrankungen, Diabetes, neurodegenerative Erkrankungen – und beschleunigt genau das, was wir Altern nennen.
Inflammaging ist kein Schicksal. Es ist ein messbares biologisches Geschehen – und damit auch ein beeinflussbares.— Bert Raderschatt · Integrative Medizin
Was Inflammaging antreibt
Neben dem natürlichen Alterungsprozess des Immunsystems gibt es eine Reihe von Faktoren, die Inflammaging aktiv beschleunigen. Die gute Nachricht: Die meisten davon sind beeinflussbar.
Häufige Treiber in der Praxis
Chronischer Stress – der unterschätzteste Entzündungstreiber überhaupt. Schlechter Schlaf, der die nächtliche Zellreparatur unterbricht. Zucker- und ultraprozessierte Lebensmittel, die direkt proinflammatorische Signalwege aktivieren. Bewegungsmangel. Ein gestörtes Darmmikrobiom, das eine erhöhte Darmpermeabilität und damit systemische Immunaktivierung begünstigt. Und schließlich Mikronährstoffmängel – besonders Vitamin D, Omega-3 und Magnesium – die ich in meiner Praxis bei fast allen Patientinnen mit Erschöpfungssymptomen finde.
Besonders in der hormonellen Übergangsphase – der Perimenopause und Postmenopause – verschiebt sich die Balance ungünstig. Östrogen hat antiinflammatorische Eigenschaften. Wenn der Spiegel sinkt, verliert der Körper einen seiner natürlichen Dämpfer. Das erklärt, warum viele Frauen zwischen 45 und 60 Jahren erstmals über Symptome klagen, die vorher nicht da waren: Gelenkschmerzen, Fatigue, Schlafstörungen, kognitiver Nebel.
Die Mitochondrien – Schlüssel und Schwachstelle
Chronische Entzündung greift vor allem die Mitochondrien an – jene Zellorganellen, die Energie produzieren und damit die Grundlage für alle Reparaturprozesse liefern. Inflammaging überlastet die mitochondriale Kapazität: Die Zellen kämpfen ständig gegen Entzündungsschäden an, anstatt sich zu regenerieren. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis – beschädigte Mitochondrien produzieren mehr Entzündungssignale, die wiederum weitere Mitochondrien schädigen.
Was heißt das konkret? Wer dauerhaft erschöpft ist, schlecht schläft, sich schwer konzentrieren kann und sich älter fühlt als er ist – der erlebt oft genau diesen Prozess. Nicht als Einbildung, sondern als messbare zelluläre Realität.
Wer seine Mitochondrien pflegt, pflegt sein Alter. Energie ist keine Frage der Disziplin – sie ist eine Frage der Zellbiologie.
Was ich meinen Patientinnen empfehle
Inflammaging ist kein Befund, den man mit einem einzelnen Medikament behandelt. Es ist ein Systemzustand – und der erfordert eine systemische Antwort. Die gute Nachricht: Die wirksamsten Interventionen sind keine High-Tech-Maßnahmen. Sie sind das, was wir täglich tun – oder lassen.
Die Basis – unverzichtbar
Echte Lebensmittel, reich an Antioxidantien und hochwertigen Fetten. Kein Zucker, keine ultraprozessierten Produkte. Regelmäßige Bewegung – besonders Kraft- und Ausdauertraining kombiniert. Sieben bis acht Stunden erholsamer Schlaf. Aktives Stressmanagement: Atemübungen, Natur, Beziehungen – nicht als Luxus, sondern als biologische Notwendigkeit.
Diese Basis klingt unspektakulär. Aber sie ist der Boden, auf dem alles andere aufbaut. Ohne sie verpuffen auch die besten Supplemente.
Mitochondrien gezielt unterstützen
Auf dieser Basis gibt es gezielte Maßnahmen, die die mitochondriale Funktion direkt stärken und den Inflammaging-Kreislauf unterbrechen:
1. NAD⁺ wiederherstellen
NAD⁺ (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid) ist ein zentrales Coenzym für Mitochondrienfunktion und Zellreparatur. Mit dem Alter sinkt der NAD⁺-Spiegel erheblich. Niacin-reiche Lebensmittel (Hühnchen, Thunfisch, Pilze) helfen; bei messbarem Mangel oder starkem Erschöpfungsbild erwäge ich NMN-Supplementierung.
2. CoQ10 und B-Vitamine
Coenzym Q10 ist unverzichtbar für die mitochondriale Energieproduktion – und wird durch Statine messbar reduziert. Fette Fische und Innereien liefern CoQ10 über die Nahrung; ein hochwertiges B-Komplex-Präparat unterstützt die gesamte Energiebilanz zusätzlich.
3. Polyphenole aus der Nahrung
Beeren, grüner Tee, dunkle Schokolade – ihre Polyphenole schützen Mitochondrien vor oxidativem Stress. Das ist keine Wellness-Empfehlung, sondern gut belegte Biochemie. Täglich, nicht gelegentlich.
4. Intermittierendes Fasten
Wer dem Körper regelmäßige Esspausen gönnt – etwa ein 16:8-Fenster – stimuliert Autophagie und mitochondriale Erneuerung. Besonders in Kombination mit ausreichend Protein und Bewegung ein kraftvolles Instrument gegen zelluläre Alterung.
Mikronährstoffe mit direkter Wirkung auf Entzündung
Vier Mikronährstoffe nehmen in der antiinflammatorischen Medizin eine besondere Stellung ein. Ich messe sie bei Patientinnen mit Erschöpfungs- oder Entzündungsprofil regelmäßig – und finde Mängel erschreckend häufig.
Vitamin D3
Ziel: 5.000 IE / Tag
Sonnenlicht, fette Fische, Eigelb. Supplementierung fast immer sinnvoll – aber bitte mit Ratio-Kontrolle (D3/K2, Kalzium-Balance).
Zink
Ziel: 15–30 mg / Tag
Fleisch, Meeresfrüchte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen. Essenziell für Immunregulation und Wundheilung.
Magnesium
Ziel: 310–420 mg / Tag
Kürbiskerne, Mandeln, Spinat, dunkle Schokolade. Kofaktor in über 300 enzymatischen Reaktionen – und bei Stress massiv verbraucht.
Omega-3 (EPA/DHA)
Ziel: 500–1.000 mg / Tag
Lachs, Makrele, Sardinen. Direkt antientzündlich über Auflösung von Entzündungsmediatoren (Resolvine, Protektine).
Mein Tipp aus der Praxis
Supplemente ohne Laborwerte sind teures Raten. Bevor ich irgendetwas empfehle, messe ich: Vitamin-D-Spiegel, Omega-3-Index, Magnesium im Vollblut, Ferritin, hsCRP und – wo sinnvoll – erweiterte Entzündungsindizes. Nur was gemessen ist, kann gezielt behandelt werden.
Moderne diagnostische Möglichkeiten wie ein inflammatorischer Alters-Score (iAge) oder ein systemischer Chronischer Entzündungsindex erlauben heute eine präzisere Einschätzung, als es klassische Routinelabore leisten.2,3 Sprechen Sie mich darauf an.
Altern ist nicht das Problem. Altern unter chronischer Entzündung ist das Problem – und das ist behandelbar.— Bert Raderschatt · Integrative Medizin