Warum der Verzicht auf tierische Lebensmittel allein noch keine gute
Ernährung macht

Immer mehr Menschen in meiner Praxis ernähren sich vegetarisch oder vegan –
aus ethischen, ökologischen oder gesundheitlichen Gründen. Das ist
grundsätzlich ein sinnvoller Impuls: Wer sich bewusst mit Ernährung
auseinandersetzt, hinterfragt meist auch Qualität, Herkunft und
Zusammensetzung seiner Lebensmittel. Doch aus integrativmedizinischer Sicht
lohnt sich ein genauerer Blick, denn eine Ernährungsform ist nicht automatisch
gesund, nur weil sie tierische Produkte auslässt.
Genau das erlebe ich regelmäßig im Praxisalltag: Patientinnen und Patienten, die sich
seit Jahren pflanzenbasiert ernähren und überzeugt sind, alles richtig zu machen –
während ihre Laborwerte ein anderes Bild zeichnen. Nicht, weil vegetarisch oder vegan
grundsätzlich falsch wäre, sondern weil bestimmte Nährstoffe in dieser Ernährungsform
strukturell schwerer zu decken sind und ohne gezielte Planung und Kontrolle leicht aus
dem Blick geraten.

Der Denkfehler: „Pflanzlich“ ist nicht gleich „nährstoffreich“

Eine vegetarische oder vegane Ernährung kann hervorragend zusammengesetzt sein –
mit Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkorn, Nüssen, Samen und einer großen Vielfalt an
sekundären Pflanzenstoffen. Sie kann aber genauso aus veganen Fertigprodukten,
Weißmehl und Zucker bestehen. Der Verzicht auf tierische Lebensmittel sagt für sich
genommen noch nichts über die Nährstoffqualität aus. Die eigentlich entscheidende
Frage lautet daher nicht „vegetarisch oder nicht“, sondern: Ist die Ernährung vollwertig,
vielfältig und individuell ausreichend versorgt?

Die kritischen Nährstoffe im integrativmedizinischen Fokus

Vitamin B12 – der wunde Punkt
Vitamin B12 kommt praktisch ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vor. Da der
Körper es über Jahre speichern kann, bleibt ein Mangel oft lange unbemerkt – bis
neurologische Symptome, Erschöpfung oder Veränderungen im Blutbild auftreten. Bei
veganer Ernährung ist eine gezielte Supplementierung praktisch unverzichtbar, bei
vegetarischer Ernährung mit geringem Ei- oder Milchkonsum ebenfalls sinnvoll zu
prüfen. Für eine belastbare Aussage reicht der Serumwert allein nicht – HoloTranscobalamin gilt als der zuverlässigere Frühmarker, ergänzt durch Homocystein und Methylmalonsäure.

Eisen, Zink, Selen – vorhanden, aber schlechter verfügbar
Pflanzliches Eisen liegt als Nicht-Häm-Eisen vor und wird deutlich schlechter resorbiert
als Häm-Eisen aus tierischen Quellen. Phytinsäure, Oxalate und Gerbstoffe hemmen
zusätzlich die Aufnahme von Eisen und Zink. Zubereitungstechniken wie Einweichen,
Keimen und Fermentieren sowie die Kombination mit Vitamin C können die
Bioverfügbarkeit verbessern – ersetzen aber keine Laborkontrolle. Für den Eisenstatus
reicht der Hämoglobinwert nicht aus; Ferritin, Transferrinsättigung und CRP gehören
dazu, da Ferritin bei Entzündungen fälschlich hoch ausfallen kann. Selen ist zusätzlich
stark vom Selengehalt der Böden abhängig, was regionale Unterversorgung begünstigen
kann.


Omega-3: Leinöl ist nicht gleich EPA/DHA
Alpha-Linolensäure aus Lein-, Hanf- oder Walnussöl muss der Körper erst in die
eigentlich wirksamen Fettsäuren EPA und DHA umwandeln – mit einer
Umwandlungsrate von deutlich unter 10 %. Für Zellmembranen, Gehirn, HerzKreislauf-System und die Entzündungsregulation sind aber genau diese beiden Fettsäuren relevant. Wer keinen Fisch isst, sollte eine vegane EPA/DHA-Quelle wie
hochwertiges Algenöl in Erwägung ziehen und den Omega-3-Index laborchemisch
überprüfen.


Jod, Vitamin D und Calcium – häufig unterschätzt
Jod kommt überwiegend in tierischer Nahrung und Meeresfrüchten vor; jodiertes
Speisesalz allein reicht oft nicht aus, und Algen liefern stark schwankende Mengen.
Vitamin D ist zwar kein rein veganes Thema, doch der Wegfall von fettem Fisch und
Eigelb verschärft die ohnehin verbreitete Unterversorgung in unseren Breiten – eine
regelmäßige Kontrolle des 25-OH-Vitamin-D-Spiegels ist sinnvoll. Calcium lässt sich
über Mineralwasser, Grünkohl, Sesam und angereicherte Pflanzendrinks pflanzlich
decken, sollte aber bewusst geplant werden, besonders bei Kindern, Jugendlichen und
Frauen nach der Menopause.


Protein – eine Frage der Kombination, nicht nur der Menge
Hülsenfrüchte, Tofu, Tempeh, Vollkorn, Nüsse und Samen liefern wertvolles Eiweiß.
Entscheidend ist jedoch die Vielfalt: Pflanzliche und tierische Proteine unterscheiden
sich im Aminosäurenprofil, und nur die Kombination verschiedener pflanzlicher
Quellen sichert eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Aminosäuren.

Blutwerte statt Bauchgefühl

Wer sich langfristig vegetarisch oder vegan ernährt, sollte diese Entscheidung nicht dem
Zufall überlassen, sondern regelmäßig laborchemisch begleiten lassen. Je nach
individueller Situation gehören Vitamin B12, Holo-TC, Homocystein,, Ferritin,
Transferrinsättigung, CRP, Vitamin D, Zink, Selen, Jodstatus, Schilddrüsenwerte und der
Omega-3-Index dazu. Erst im Kontext von Ernährungsmuster, Lebensphase und
Vorerkrankungen lässt sich beurteilen, welche Werte wirklich aussagekräftig sind.
In unserer Praxis lässt sich diese Versorgungslage über eine gezielte Diagnostik und
Analyse des intrazellulären Mikronährstoffstatus messen – so entsteht eine präzise und
aussagekräftige Einschätzung, gerade für Patientinnen und Patienten mit
pflanzenbasierter Ernährung.


Fazit

Vegetarische und vegane Ernährung kann ein wertvoller Beitrag zu Gesundheit, Tierwohl
und Nachhaltigkeit sein – sie ist aber kein Selbstläufer. Entscheidend ist nicht der Verzicht
an sich, sondern ob die Ernährung vollwertig, vielfältig und individuell ausreichend
versorgt ist. Wer tierische Lebensmittel reduziert oder meidet, sollte Vitamin B12, Eisen,
Zink, Selen, Jod, Omega-3, Vitamin D, Calcium und Protein aktiv im Blick behalten –
idealerweise mit einer Laborkontrolle, die zur eigenen Lebenssituation passt, statt sich auf
ein gutes Gefühl allein zu verlassen