Vitamine und pflanzliche Präparate gelten als harmlos. Doch einige greifen direkt in Blutgerinnung, Anästhesie und Leberstoffwechsel ein. Diese Übersicht zeigt dir, was wann pausiert werden sollte.
Viele Menschen nehmen täglich Nahrungsergänzungsmittel, ohne sie als Medikamente zu betrachten. Vor einem operativen Eingriff kann genau diese Selbstverständlichkeit zum Problem werden.
Etliche Substanzen hemmen die Blutgerinnung, verändern den Abbau von Narkosemitteln oder belasten die Leber auf eine Weise, die in der Routine unsichtbar bleibt – und im OP-Saal plötzlich relevant wird.
Diese Übersicht gibt dir einen konkreten, priorisierten Zeitplan. Nicht als Ersatz für das Gespräch mit deinem Anästhesieteam, sondern als Vorbereitung dafür.
Grundlagen
Die drei Wirkprinzipien, die du kennen solltest
Nicht alle Risiken sind gleich. Hinter den verschiedenen Absetzempfehlungen stecken drei unterschiedliche Mechanismen.
🩸Plättchenhemmung
Knoblauch, Ginkgo und Vitamin E machen Thrombozyten weniger reaktiv. Bei einer Skalpell-Wunde ist das ein kalkulierbares, aber vermeidbares Risiko.
🧬Fibrinolyse
Nattokinase und Bromelain bauen aktiv Blutgerinnsel ab. Sie wirken wie milde Gerinnsel-Auflöser und können Nachblutungen begünstigen.
⚗️Leberenzym-Interaktionen
Johanniskraut, Kurkuma und CBD greifen in das CYP-Enzymsystem ein, das auch Narkosemittel abbaut. Die Folge: unvorhersehbare Wirkverläufe der Anästhesie.
Das Anästhesieteam kann nur schützen, was es weiß. Eine vollständige Liste aller Präparate – inklusive Tees, Tropfen und Kapseln – ist keine Bürokratie, sondern gute Medizin.
⚠ Hohe Priorität
Absetzen
Mindestens 14 Tage vor dem Eingriff
Diese Substanzen haben entweder eine lange Halbwertszeit, einen starken Einfluss auf Leberenzyme oder ein dokumentiert hohes Blutungsrisiko.
≥ 14Tage
Vitamin E hochdosiert (über 400 IE täglich)
Hemmt den plättchenaktivierenden Faktor und verstärkt die Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten. Eine Beobachtungsstudie zeigte im höchsten Dosisbereich ein 2,7-fach erhöhtes Blutungsrisiko. Mayo Clinic und ASA empfehlen explizit 14 Tage Pause.
Plättchenhemmung · Warfarin-Interaktion
≥ 14Tage
Nattokinase
Dieses Enzym aus fermentierten Sojabohnen wirkt stark fibrinolytisch – es baut aktiv Gerinnsel ab. In Kombination mit Antikoagulanzien ist die Wirkung potenziell gefährlich.
Starke Fibrinolyse
≥ 14Tage
Johanniskraut (Hypericum perforatum)
Starker Induktor der Leberenzyme CYP3A4 und CYP2C9. Anästhetika, Cyclosporin, Warfarin und orale Kontrazeptiva können dadurch unzureichend wirken oder unkontrollierbare Spiegel entwickeln.
CYP3A4-Induktion · Anästhesie-Interaktion
14–21Tage
Mariendistel (Silymarin)
Kann in seltenen Fällen die Wirkung anderer Substanzen verändern. Empfohlen werden zwei bis drei Wochen Pause vor dem Eingriff.
Vorsichtsprinzip · Volumeneffekte
⚡ Mittlere Priorität
Absetzen
7 bis 14 Tage vor dem Eingriff
Kürzere Halbwertszeit oder geringere, aber dokumentierte Blutungsrelevanz. Je nach Dosierung und Kombination mit anderen Mitteln auch früher absetzen.
7–10Tage
Knoblauch hochdosiert (Kapseln, Extrakte, >4 Zehen frisch täglich)
Allicin und Ajoene hemmen die Plättchenfunktion dosisabhängig. Fallberichte beschreiben verstärkte OP-Wund-Nachblutungen. Normale Küchenmengen (bis ½ Zehe täglich) sind unbedenklich.
Plättchenhemmung · Dosisabhängig
7–14Tage
Ginkgo biloba
Hemmt den plättchenaktivierenden Faktor (PAF). Blutungsrisiko steigt besonders in Kombination mit Antikoagulanzien.
PAF-Hemmung
≥ 7Tage
Ginseng
Beeinträchtigt Plättchenfunktion, kann den Blutzucker senken und induziert CYP3A4.
Plättchen · Blutzucker · CYP3A4
7–10Tage
Fischöl / Omega-3 in hoher Dosis (über 3 g EPA+DHA täglich)
Reduziert die Thromboxan-A2-Synthese und damit die Plättchenaggregation. Bei Standarddosen unter 1 g täglich ist das klinische Blutungsrisiko gering – hohe Dosen sollten pausiert werden.
Thromboxan-A2-Reduktion · Dosisabhängig
7–14Tage
Kurkuma / Curcumin (bioverfügbare Hochdosis-Formulierungen)
Meriva, Theracurmin, Mizellpräparate – hemmen Plättchenfunktion moderat und blockieren CYP3A4. Wechselwirkungen mit Warfarin, Tacrolimus und Statinen möglich.
Plättchen · CYP3A4-Blockade
5–7Tage
Bromelain (aus Ananas)
Wirkt eiweißspaltend, fördert die Fibrinolyse und verstärkt zusätzlich die Wirkung von Antibiotika.
Fibrinolyse · Antibiotika-Interaktion
≥ 7Tage
CBD (höhere Dosen)
Hemmt CYP3A4 und CYP2C9 – kann Wirkspiegel deutlich verschieben (Tacrolimus dreifach erhöht, Warfarin verstärkt). Ein Tag Pause ist nicht ausreichend; die Enzymblockade hält mehrere Tage an.
CYP3A4/CYP2C9-Hemmung
○ Pauschal 14 Tage
Weitere Substanzen mit dokumentiertem Risiko
Vorsorgliche Pause nach ASA-Empfehlung
Für diese Substanzen gilt eine pauschale Empfehlung von zwei Wochen Pause – sofern das Anästhesieteam nichts anderes anordnet:
Coenzym Q10 · Grüntee-Extrakte (hochdosiert) · Traubenkernextrakt · Resveratrol · Mutterkraut (Feverfew) · Weidenrinde · Süßklee · Echinacea (Langzeitanwendung) · Baldrian · Kava · Süßholzwurzel / Lakritz
Übersicht
Schnellreferenz: alle Substanzen auf einen Blick
| Präparat | Pause | Hauptgrund |
|---|---|---|
| Vitamin E hochdosiert (>400 IE) | ≥ 14 Tage | Plättchenhemmung, Warfarin-Interaktion |
| Nattokinase | ≥ 14 Tage | Starke Fibrinolyse |
| Johanniskraut | ≥ 14 Tage | CYP3A4-Induktion, Anästhesie-Interaktion |
| Mariendistel | 14–21 Tage | Volumeneffekte, Vorsichtsprinzip |
| Knoblauch (Hochdosis-Extrakte) | 7–10 Tage | Plättchenhemmung |
| Ginkgo biloba | 7–14 Tage | PAF-Hemmung |
| Ginseng | ≥ 7 Tage | Plättchen, Blutzucker, CYP3A4 |
| Fischöl / Omega-3 (>3 g/Tag) | 7–10 Tage | Thromboxan-A2-Reduktion |
| Curcumin (Hochdosis-Formulierung) | 7–14 Tage | Plättchen, CYP3A4 |
| Bromelain | 5–7 Tage | Fibrinolyse |
| CBD (höhere Dosen) | ≥ 7 Tage | CYP3A4 und CYP2C9 |
| CoQ10, Grüntee, Resveratrol, Baldrian, Kava u. a. | 14 Tage | Vorsichtsprinzip nach ASA |
Perioperativ sicher
Was du weiter einnehmen darfst – und solltest
Nicht jedes Supplement muss pausiert werden. Einige sind perioperativ sogar nützlich.
- Vitamin D – Ein guter Spiegel ist mit weniger Wundheilungsstörungen assoziiert. Bei nachgewiesenem Mangel weiter substituieren.
- Eisen – Bei nachgewiesenem Eisenmangel ist die präoperative Substitution sinnvoll; bei Anämie bevorzugt intravenös.
- Probiotika und Synbiotika – Besonders vor Darmoperationen: reduzieren Wundinfektionen. Weiter nehmen, wenn der Operateur zustimmt.
- Magnesium, Zink, Vitamin C – In moderaten Mengen unbedenklich.
- Übliche Multivitamine – Standard-Kombipräparate mit Vitamin E unter 30 IE müssen nicht abgesetzt werden.
⚠ Hochdosiertes Vitamin C perioperativ nicht empfohlen
Intravenöse Hochdosis-Vitamin-C-Gaben im Sepsis-Kontext wurden in der LOVIT-Studie (2022) mit erhöhtem Schaden assoziiert. Sie gehören nicht in die perioperative Routine.
Zeitplan
Dein konkreter Fahrplan vor dem Eingriff
4 Wochen vorher
Liste anfertigen
Notiere alle Präparate, die du regelmäßig einnimmst – inklusive Tees, Tropfen, pflanzliche Schlafhilfen und alles, was nicht verschreibungspflichtig ist.
2–3 Wochen vorher
Hohe Priorität pausieren
Johanniskraut, Nattokinase, hochdosiertes Vitamin E und Mariendistel absetzen. Liste im Vorgespräch mit dem Anästhesieteam besprechen.
1 Woche vorher
Mittlere Priorität pausieren
Letzte Dosis von Knoblauchextrakt, Ginkgo, Ginseng, Curcumin, hochdosiertem Fischöl, Bromelain und CBD.
OP-Tag
Nur freigegebene Medikamente
Ausschließlich nehmen, was das Krankenhaus ausdrücklich genehmigt hat. Schilddrüsenhormone und Blutdruckmittel werden in der Regel weiter genommen – aber immer nachfragen.
Nach der OP
Wiederaufnahme nach Wundheilung
Supplements erst wieder einsetzen, wenn die Wundheilung gut verläuft – in der Regel nach etwa einer Woche. Bei Nachblutungen oder Hämatomen: Pause fortführen und ärztlich abklären.
Häufige Fragen
Was Patienten oft fragen
Ich habe vor zwei Tagen noch Knoblauchkapseln genommen. Muss ich die OP verschieben?
In der Regel nicht. Informiere das Anästhesieteam. Es kann gegebenenfalls die Gerinnung kontrollieren oder die Anästhesieform anpassen – zum Beispiel auf eine rückenmarksnahe Anästhesie verzichten.
Sind normale Multivitaminpräparate ein Problem?
Übliche Kombipräparate in Standarddosis sind unkritisch. Problematisch sind isolierte Hochdosis-Präparate, vor allem Vitamin E über 400 IE täglich.
Was ist mit ätherischen Ölen?
Innerlich angewandte Öle wie Nelken- oder Wintergrünöl enthalten Salicylate und sollten zwei Wochen vor dem Eingriff pausiert werden. Die Anwendung im Diffuser ist unbedenklich.
Ich nehme CBD gegen Schlafstörungen. Reicht es, einen Tag vor der OP zu pausieren?
Nein. CBD blockiert Leberenzyme über mehrere Tage. Mindestens sieben Tage Abstand sind nötig, damit der CYP-Abbau wieder zuverlässig funktioniert.
Mein Knoblauch ist nur normale Küche, kein Supplement.
Übliche Küchenmengen bis etwa eine halbe bis eine Zehe täglich gelten als unbedenklich. Konzentrierte Pulver, Öle und Kapseln unterliegen anderen Regeln.