Von der Schlafhygiene bis zum modernen Orexin-Blocker – welcher Schritt wann sinnvoll
ist und worauf es bei jedem einzelnen ankommt.
Wer schlecht schläft, möchte meist eines: schnelle Hilfe. Doch gerade bei Schlafstörungen
lohnt sich der geordnete Blick auf die Stufen der Therapie – von sanft bis stark, von der
Bedarfslösung bis zur Dauertherapie.
Stufe 1 — Die Basis, die zuerst geprüft werden sollte
Bevor über Präparate nachgedacht wird, lohnt der ehrliche Blick auf die Schlafumgebung und
-gewohnheiten: eine regelmäßige Bettzeit, ein kühles, dunkles und ruhiges Schlafzimmer,
Zurückhaltung bei Alkohol und Bildschirmzeit am Abend. Gerade unregelmäßige Schlafzeiten
gelten als einer der stärksten Störfaktoren überhaupt – schon eine stark schwankende
Zubettgehzeit kann den Schlaf empfindlich stören.
Wer nachts wach wird und sich beim Wachliegen aufregt, verschlimmert das Problem meist
zusätzlich. Wichtiger als starre Regeln wie „sofort aufstehen“ ist, dem eigenen Bedürfnis zu folgen:
Wer sich im Bett wohl und geborgen fühlt, darf liegen bleiben; wer sich unruhig aufregt, darf
aufstehen – solange danach spätestens nach einer Stunde ein neuer Schlafversuch folgt.
Stufe 2 — Pflanzliche Mittel und Aminosäuren
BALDRIAN, HOPFEN, MELISSE
Als Kombinationspräparat empfohlen, mindestens vier Wochen konsequent angewendet. Zeigt
sich danach keine Wirkung, kann man die Einnahme beenden.
MELATONIN
Start mit 2 mg über zwei Wochen, danach ggf. Steigerung auf 4 mg für weitere zwei Wochen.
Bringt bei etwa 10–15 % der schlechten Schläferinnen eine spürbare Verbesserung – die
Ansprechwahrscheinlichkeit ist unabhängig vom Alter ähnlich gering, ein Versuch gilt aber
dennoch als sinnvoll.
Worauf achten: Der Melatonin-Gehalt frei verkäuflicher Supplements schwankt stark vom deklarierten Wert
– eine Beratung in der Apotheke statt Kauf in der Drogerie wird ausdrücklich empfohlen, ebenso eine
Retard-Formel für eine Wirkung über die ganze Nacht.
TRYPTOPHAN / 5-HTP
Als Vorstufe von Serotonin und Melatonin mit ähnlicher Ansprechrate wie Melatonin. Empfohlene
Dosierung: 500 mg über zwei Wochen, bei Bedarf Anpassung auf 100 mg.
MAGNESIUM, ZINK, GLYCIN, VITAMIN D
Wissenschaftlich belegt schlaffördernd bei sensiblen, aber nicht bei schwer gestörten Schläferinnen.
Wirksam nur bei regelmäßiger, ausreichend hoher Dosierung (Apotheken-Qualität).
Stufe 3 — Hormontherapie: Progesteron und Östrogen
Bei postmenopausalen Frauen im dauerhaften Hormonmangel steht der Hormonersatz im
Vordergrund. Progesteron wird im Körper zu Allopregnanolon umgewandelt, das am GABARezeptor ansetzt und beim Einschlafen hilft. Für das Durchschlafen scheint zusätzlich ein
ausreichender Östrogenspiegel bedeutsam – klinisch beobachtet, wenn auch bislang nicht durch
belastbare Studien abgesichert.
In der Perimenopause gilt oft: Nicht der absolute Hormonspiegel, sondern seine Schwankung stört
den Schlaf am meisten. Deshalb ist die individuelle Anpassung von Dosis und Applikationsform
entscheidender als ein starres Schema.
„Ob ein Zuviel oder Zuwenig eines bestimmten Hormons im Einzelfall den Schlaf stört, lässt sich bislang nicht
messen – man kann es nur ausprobieren und die individuelle Reaktion beobachten.“
— sinngemäße Einordnung aus der Schlafmedizin
Stufe 4 — Niedrig dosierte Psychopharmaka
Helfen die vorherigen Stufen nicht ausreichend, kommen schlaffördernde Antidepressiva in
niedriger Dosierung infrage, etwa Trimipramin-Tropfen oder Mirtazapin. Bei Trimipramin gilt:
Schon deutlich unter der psychiatrischen Standarddosis (25 mg als kleinste Tablettenform) können
wenige Milligramm den Schlaf verbessern.
● Wirkverlust ist mit ca. 40 % relativ häufig, typischerweise nach drei bis sechs Monaten.
● Manche dieser Mittel eignen sich als Bedarfsmedikation, wenn sie nur gelegentlich gebraucht werden.
Citalopram ist ausdrücklich nicht zur Schlafförderung geeignet – es wirkt eher aktivierend und sollte morgens statt abends gegeben werden.
Stufe 5 — Spezifische Schlafmittel
Z-SUBSTANZEN (Z. B. ZOLPIDEM, ZOPICLON)
Die stärksten verfügbaren schlaffördernden Mittel, gedacht als Bedarfsmedikation (maximal zwei bis drei Mal pro Woche). Als einzige Substanzklasse fördern sie gezielt den Tiefschlaf – allerdings mit einer gewissen Einbuße bei der Qualität der langsamen Hirnwellen. Nicht zur Dauertherapie gedacht; ein Wirkverlust bei regelmäßiger Einnahme ist möglich.
DARIDOREXANT (OREXIN-BLOCKER)
Blockiert das „Wachhormon“ Orexin und gilt aktuell als bestes verfügbares Ein- und Durchschlafmittel, ohne Tief- und Traumschlaf zu verkürzen. Anders als die Z-Substanzen ist es zur Dauertherapie zugelassen – muss aber regelmäßig eingenommen werden, da es keine Bedarfsmedikation ist.
Geduld gefragt: Die Wirkung kann sich sofort oder erst nach bis zu acht Wochen einstellen. In den ersten Nächten sind bei rund 10 % der Anwenderinnen lebhaftere Träume möglich, die aber wieder abklingen.
Der integrative Blick
Was sich durch alle Stufen zieht: Geduld ist Teil der Therapie, nicht ihr Gegenteil. Ungeduld und
die Sorge, ein Mittel dauerhaft zu benötigen, sind selbst häufig ein Schlafkiller. Eine gute Therapie
folgt keinem starren Schema, sondern der individuellen Reaktion – schrittweise, beobachtend, mit
dem Ziel, die Ursache und nicht nur das Symptom zu adressieren