Warum Ihr Darm bei Ihren Hormonen mitredet

Bert Raderschatt · Integrative Medizin

In meiner Sprechstunde erzählen mir viele Frauen eine ähnliche Geschichte. Die Brust spannt vor der Periode, der Bauch ist aufgebläht, das Gewicht steigt, obwohl sich am Essen kaum etwas geändert hat. Die Hormonwerte sind „irgendwie im Rahmen“. Wenn ich dann frage, wie es dem Darm geht, kommt oft ein überraschtes „Wieso der Darm?“

Genau darum geht es in diesem Beitrag. Ein Teil Ihrer Darmbakterien entscheidet mit darüber, wie viel Östrogen in Ihrem Körper zirkuliert. Diese Bakteriengruppe hat einen eigenen Namen: das Östrobolom.

Was das Östrobolom ist

Östrogene werden in der Leber abgebaut. Dabei hängt die Leber ihnen ein Molekül an, die Glucuronsäure. Man kann sich das wie einen Aufkleber vorstellen, auf dem „zur Entsorgung“ steht. So markiert gelangt das Östrogen mit der Galle in den Darm und soll mit dem Stuhl ausgeschieden werden.

Manche Darmbakterien bilden aber ein Enzym, die Beta-Glucuronidase. Es zieht den Aufkleber wieder ab. Das Östrogen ist dann wieder aktiv, wird über die Darmwand aufgenommen und gelangt über die Pfortader zurück zur Leber und in den Kreislauf. Fachleute nennen diesen Weg den enterohepatischen Kreislauf. Die Gesamtheit der Bakterien, die daran beteiligt sind, ist das Östrobolom.

Dieser Rückweg ist grundsätzlich sinnvoll. Der Körper recycelt auf ähnliche Weise auch Gallensäuren, Vitamin D und Schilddrüsenhormone. Problematisch wird es erst, wenn das Maß nicht mehr stimmt.

Zu viel oder zu wenig

Ist die Beta-Glucuronidase sehr aktiv, wird mehr Östrogen zurückgeholt, als gut ist. Das kann ein Übergewicht von Östrogen gegenüber Progesteron fördern, die sogenannte Östrogendominanz. Ist die Aktivität dagegen zu gering, etwa nach mehreren Antibiotikabehandlungen, geht mehr Östrogen verloren. Das kann Mangelbeschwerden verstärken, gerade in den Wechseljahren, wenn die Eierstöcke ohnehin weniger produzieren.

Die Forschung untersucht außerdem, ob ein gestörtes Östrobolom bei Endometriose, beim polyzystischen Ovarsyndrom (PCOS) und bei hormonabhängigen Tumoren wie Brustkrebs eine Rolle spielt. Die Hinweise sind interessant. Ehrlicherweise stammen sie aber bisher überwiegend aus Beobachtungs- und Tierstudien. Wer Ihnen hier sichere Ursache-Wirkungs-Beziehungen verspricht, ist der Datenlage voraus.

Woran Sie denken könnten

Typische Hinweise auf ein Zuviel an Östrogen:

  • ausgeprägtes PMS mit Reizbarkeit, Brustspannen und Wassereinlagerungen
  • Gewichtszunahme vor allem an Hüften, Bauch und Oberschenkeln
  • Myome, Zysten, Endometriose oder eine zystische Mastopathie
  • Migräne rund um Eisprung und Periode

Hinweise auf ein Zuwenig:

  • trockene Haut und Schleimhäute, besonders im Intimbereich
  • wiederkehrende Blasenentzündungen
  • Hitzewallungen und nächtliches Schwitzen
  • nachlassende Libido und abnehmende Knochendichte

Keines dieser Zeichen ist spezifisch. Stress, Schilddrüse, Schlaf und Insulinresistenz spielen bei denselben Beschwerden mit. Deshalb ersetzt eine solche Liste keine Untersuchung.

Was das Gleichgewicht stört

In den Jahren rund um die Menopause nimmt die Vielfalt der Darmbakterien messbar ab. Günstige Arten wie Akkermansia muciniphila werden seltener. Dazu kommen die üblichen Verdächtigen: anhaltender Stress, häufige Antibiotika, viel Zucker und stark verarbeitete Lebensmittel, wenig Ballaststoffe.

Ein Punkt wird oft unterschätzt. Bauchfett ist hormonell aktiv. Es enthält das Enzym Aromatase, das aus Vorstufen selbst Östrogen herstellt. Mehr Bauchfett bedeutet also mehr hausgemachtes Östrogen, unabhängig vom Darm. Eine Gewichtsreduktion entlastet deshalb den Hormonhaushalt oft spürbar. Wenn das trotz aller Mühe nicht gelingt, lohnt sich ein Blick auf die Schilddrüse. Eine Unterfunktion zeigt sich in den Wechseljahren nicht selten zum ersten Mal.

Was Sie selbst tun können

Ballaststoffe zuerst. Empfohlen sind mindestens 30 Gramm pro Tag, die meisten Menschen in Deutschland bleiben deutlich darunter. Gute Quellen sind Leinsamen, Chiasamen, Haferflocken, Hülsenfrüchte, Gemüse und Beeren. Flohsamenschalen sind ein einfacher Einstieg und helfen bei Verstopfung ebenso wie bei Neigung zu weichem Stuhl. Steigern Sie langsam und trinken Sie genug, sonst rebelliert der Bauch.

Vielfalt auf dem Teller. Jede Pflanzenart füttert andere Bakterien. Ein praktisches Ziel sind rund 30 verschiedene pflanzliche Lebensmittel pro Woche, Kräuter, Gewürze, Nüsse und Pilze zählen mit. Fermentiertes wie Sauerkraut, Kimchi, Naturjoghurt oder Kefir ergänzt das, sofern Sie es gut vertragen.

Polyphenole und Kreuzblütler. Beeren, Granatapfel, grüner Tee, Kurkuma und gutes Olivenöl liefern Pflanzenstoffe, die das Mikrobiom günstig beeinflussen. Brokkoli, Rosenkohl und vor allem Brokkolisprossen enthalten Vorstufen von Sulforaphan. Es unterstützt die Leber bei der Verstoffwechslung von Östrogen in günstigere Abbauprodukte.

Zucker wie ein Gewürz behandeln. Also sparsam. Das Etikett verrät, wo er sich versteckt.

Bewegung und Erholung. Regelmäßige Ausdauerbewegung senkt erhöhte Östrogenspiegel und gehört bei Brustkrebs heute zur empfohlenen Nachsorge. Gegen Dauerstress helfen Yoga, Qigong oder Yoga Nidra. Dreimal pro Woche zwanzig Minuten bringen mehr als einmal im Monat zwei Stunden.

Antibiotika nur, wenn sie wirklich nötig sind. Jede Gabe verändert das Mikrobiom, manchmal für Monate. Wenn eine Behandlung sinnvoll ist, sollte sie natürlich erfolgen. Fragen Sie aber ruhig nach, ob es in Ihrem Fall eine Alternative gibt.

Hormonaktive Stoffe meiden. Parabene in Kosmetik und Bisphenol A in Kunststoffen wirken im Körper ähnlich wie Östrogen. Zertifizierte Naturkosmetik, Glas statt Plastik und kein Erhitzen von Speisen in Kunststoffbehältern sind einfache Schritte.

Mikronährstoffe: erst messen, dann ergänzen

Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und Vitamin B6 spielen im Hormonstoffwechsel eine Rolle. Bei Frauen mit PCOS hat Myo-Inositol gute Daten für Zyklus und Insulinempfindlichkeit. Calcium-D-Glucarat hemmt die Beta-Glucuronidase und wird in der integrativen Medizin bei Östrogendominanz eingesetzt, die Studienlage dazu ist allerdings noch dünn.

Ich rate davon ab, all das auf Verdacht einzunehmen. Ein Zuviel an Vitamin D oder B6 schadet ebenso wie ein Mangel. Ein Laborwert vorher spart Geld und Nebenwirkungen.

Und die Hormontherapie?

Darmpflege und Hormontherapie schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich. Bei leichteren Beschwerden reicht es manchmal, Ernährung, Gewicht und Darm in Ordnung zu bringen. Fehlen in den Wechseljahren dagegen tatsächlich Hormone, kann der Darm sie nicht herbeizaubern. Dann ist eine bioidentische Hormontherapie oft die wirksamste Hilfe.

Was ich in der Praxis sehe: Eine Hormontherapie lässt sich deutlich feiner einstellen, wenn die Abbauwege in Leber und Darm gut funktionieren. Deshalb gehört der Darm bei mir zur Hormonsprechstunde dazu.

So gehen wir in der Praxis vor
Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch über Ihre Beschwerden, Ihren Zyklus und Ihre Lebensumstände. Je nach Fragestellung ergänzen wir einen Hormonstatus, eine Stuhlanalyse des Mikrobioms und bei Bedarf die Bestimmung der Östrogen-Abbauprodukte. Daraus entsteht ein Plan, der zu Ihnen passt, und keine Standardliste.

Wenn Sie sich in diesem Text wiederfinden, sprechen Sie mich gern an.

Praxis für Integrative Medizin · Bert Raderschatt · praxisraderschatt@yahoo.de

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche ärztliche Beratung.